„Alexa, zeige mir Vielfalt“: 

Schwarzer Gründer, weiße Startup-Kultur

Vielfalt der Innovation: Paulos Mesghina ist Gründer und Geschäftsführer eines auf Sprachassistenten spezialisierten Unternehmens in Stuttgart. Bei den Voiceagenten entwickelt er gemeinsam mit seinem vierköpfigen Team Anwendungen, welche mithilfe von Alexa Skills den Alltag erleichtern können.  Als Schwarzer Unternehmer trifft er dabei auf Hürden, die nicht alle in der eher weiß geprägten Startup-Welt haben. 

Was spielt dein Schwarzsein für eine Rolle im Unternehmertum?

Ich würde fast sagen, man hat es wahrscheinlich per se schon ein Stück weit härter, weil man einfach strukturelle Unterschiede hat. Allerdings haben Gründer*innen und Geschäftsführer*innen, die ihre Firmen vorantreiben, sehr ähnliche Probleme und Herausforderungen. Deswegen würde ich sagen, dass es im Tun weniger eine Rolle spielt. Für mich ist es eher ein Stück weit das, woher ich komme oder meine Prägung. Diese versuche ich auch ins Unternehmen mit reinzunehmen. Mir sind andere Werte wie Empathie und Authentizität, die ich von der Familie so mitbekommen hab, einfach sehr wichtig. Da würde ich schon sagen, dass das Schwarzsein oder der Schwarze Background da auf jeden Fall eine Rolle spielt.
 
Wie hast du die Welt der Sprachassistenten für dich entdeckt?

Eigentlich habe ich Wirtschaftswissenschaften studiert und dann bei einer großen Firma im digitalen Marketing gearbeitet. Bei mir kam das Thema Sprachassistenten durch Freunde, die mir eine Alexa zum Geburtstag geschenkt haben. Daraus entstand eine Neugierde an dem Thema und ich habe mich selbst damit auseinandergesetzt. Im Hintergrund habe ich dann erste Anwendungen entwickelt und festgestellt, dass das Thema Sprachassistent beziehungsweise Sprachverarbeitung da ist, um zu bleiben. Das hat mich schlussendlich dazu bewogen das Ganze nicht nur als Hobby voranzutreiben, sondern mich vollkommen dem Thema zu committen.

Gab es für dich einen Punkt, an dem du wusstest, dass jetzt die Zeit ist, um richtig durchzustarten?

Damals gab es so einen Moment, da war ich in Berlin bei meiner Schwester zu Besuch und wir haben versucht das Musikquiz, welches es heute nach wie vor gibt, rauszubringen. Wir wurden radikal, die ganze Zeit abgelehnt. Ich glaube, es war der neunte oder zehnte Versuch, bis sie uns dann durchgelassen haben. Die Anwendung war endlich live und ich hatte nach wenigen Tagen in die Analyse reingeschaut und habe gesehen, dass da mehrere Hundert Nutzer*innen damals drin waren. Das war für mich einen Augenöffner, weil ich gesagt habe, es gibt einen Bedarf und die Leute haben Lust auf sowas. Irgendwas scheinst du dann auch richtigzumachen. Das war dann so ein Aha-Moment, wo ich dachte: „Wow hier geht ja richtig was und der Markt will meine Anwendungen“ und deswegen habe ich es dann weiter vorangetrieben. 

„Ich gehöre hier hin

und ich kann es genauso gut,

wie alle anderen auch“

Wie ist es als Schwarze Person in einer vorwiegend weiß geprägten Startup-Welt? 


Es gab mal Zeiten, da habe ich mich intensiver mit der Thematik auseinandergesetzt. Wo du stehst und wie du wahrgenommen wirst, das ist das eine, aber gleichzeitig musst du dir sagen, ich bin nicht minder schlecht. Sondern, ich gehöre hier hin und ich kann es genauso gut wie alle anderen auch. Das du hier und da anecken wirst, ist per se schon gegeben: Du fällst anders auf, die Leute haben Vorurteile dir gegenüber, aber das kenne ich auch aus vielen anderen Bereichen in meinem Leben. 


Deine Eltern sind Ende der 80er Jahre von Eritrea nach Deutschland gekommen. Was spielt Arbeit für eine Rolle in deiner Familie?


Ich würde schon sagen, dass Arbeit nicht unwichtig ist. Das hat sich über die Eltern indirekt, ohne dass es die ganze Zeit geäußert wurde, gezeigt. Der Anspruch war: sei fleißig und verfolge das, worin du gut bist oder woran du spaß hast.  Durch das Tun der Eltern, nimmt man solche Sachen dann automatisch auf.  


Hatten deine Eltern anfangs Zweifel an deiner Idee vom eigenen Startup?


Wenn du einen unbefristeten Arbeitsvertrag von einer großen Firma hast und da freiwillig rausgehst, da haben die Eltern Sorgen, weil sie damit natürlich Sicherheit verbinden. Die Selbständigkeit entscheidet man nicht einfach so, das ist ein Reifeprozess. Wenn du dich dazu entscheidest, ist es wichtig dahinter zu stehen und es dann auch mit all deiner Kraft zu verfolgen. Am Ende ist es dein Leben und nicht das deiner Eltern. Meine Eltern haben das jetzt nicht wirklich gutgeheißen, aber sie können es jetzt mehr und mehr verstehen. 

„Fangt an, nicht perfektionistisch zu sein, 

sondern bringt Produkte so schnell wie möglich raus.“

 

Was würdest du einer Person sagen, die sich nicht traut, ihre Idee umzusetzen? 

Was ich den Leuten oder vielleicht meinem jüngeren Ich sagen würde ist: Fangt an, nicht perfektionistisch zu sein, sondern bringt Produkte so schnell wie möglich raus, auch wenn sie noch nicht ganz fertig sind. Es kann nicht mehr passieren, als dass du Feedback bekommst und etwas verbessern musst. Oft sehe ich, dass Leute total coole Ideen haben, die aber versuchen so perfektionistisch umzusetzen, dass sie am Ende nie an den Start gehen. Es fehlt immer irgendetwas und das ist nach wie vor auch bei uns heute noch der Fall. Es ist nie perfekt. 


Wie kann man deiner Meinung nach, das Schwarze Unternehmertum fördern? 


Mir haben damals die Vorbilder gefehlt, die zeigen, dass du auch außerhalb von Sport und Musik erfolgreich sein kannst. Leute zu sehen, die selbstständig sind, ihre eigene Firma haben und Dinge vorantreiben. Das hätte mich inspiriert, solchen Leuten zuzuhören, ihnen zu folgen, von ihnen zu lernen oder sie gar als Mentoren zu haben. Diese Leute gibt es in jeder Form, in jeder Kreisstadt oder Landeshauptstadt. 

Ich erinnere mich, an einen Black Entrepreneurship Workshop, den ich besucht habe. Wenn sowas organisiert stattfindet, dann schaffst du die richtigen Anknüpfungspunkte und du bringst die Leute zu einem gewissen Thema zusammen. 

„Mir haben damals die Vorbilder gefehlt,

die zeigen, dass du auch außerhalb 

von Sport und Musik erfolgreich sein kannst.“ 

Was tust du, um das Ganze zu verbessern? 

Ich suche solche Sachen regelmäßig in Stuttgart und wenn sich die Möglichkeit ergibt auch mal etwas vorzustellen dann mache ich das gerne. Nicht nur andere machen lassen, sondern selbst solche Formate suchen, und sich mitengagieren. Ich möchte engagiert sein, eben weil wir uns gegenseitig suchen müssen. Das passiert über Communities und das richtige Netzwerk. Eventuell, auch durch die richtigen Sponsoren.  Damit man Veranstaltungen machen kann, die Leute zusammenbringen, um den Austausch zu fördern. Ich sehe einfach enorm viel Potential sich nicht nur einmal zu sehen, sondern fast schon in so einer verpflichtenden Regelmäßigkeit. 

 Anmerkung: Neben ihrem Job als Social Media Managerin ist Nomi auch dabei, Journalismus zu studieren. Sie hat kürzlich als Übung ein Interview mit Paulos geführt. Das hat uns so gut gefallen, dass wir es gerne im Rahmen des Black History Month mit euch teilen möchten.